Es begann mit einer Party auf einer Yacht und endete als Legende des Mittelfelds. Wie ein exzentrischer Milliardär, der „King of Good Times“, ein strauchelndes Team kaufte, es in die Farben Indiens tauchte und der Formel-1-Welt zeigte, dass man Leidenschaft nicht mit Geld kaufen, aber mit Geld befeuern kann. Die ausführliche Geschichte von Force India, dem wohl sympathischsten Paradoxon der Formel-1-Geschichte.
Kapitel 1: Der Fehlstart und die Monaco-Tragödie (2008)
Die Saison 2008 begann ernüchternd. Der VJM01, das erste Auto unter neuer Flagge, war im Grunde ein umlackierter Spyker. Er war wunderschön – in Safran, Weiß und Gold (später Grün) – aber er war langsam. Giancarlo Fisichella, der Veteran, den Mallya als Mentor geholt hatte, und Adrian Sutil, der junge Deutsche, kämpften am Ende des Feldes. Die Kritiker lachten. Mallya feierte trotzdem. Seine Partys auf der Indian Empress, seiner 95-Meter-Yacht, wurden legendär, noch bevor das Team den ersten Punkt holte.
Doch dann kam Monaco 2008. Es war ein verregnetes Chaos-Rennen. Adrian Sutil, der als Regenspezialist galt, fuhr das Rennen seines Lebens. In einem Auto, das eigentlich auf den letzten Platz gehörte, kämpfte er sich bis auf Platz 4 vor. Er hielt Weltmeister hinter sich. Die Sensation war greifbar. Force India stand kurz davor, im Fürstentum Geschichte zu schreiben. Bis zur 67. Runde. Kimi Räikkönen verlor im Ferrari die Kontrolle beim Anbremsen aus dem Tunnel, rutschte geradeaus und knallte in das Heck von Sutil. Das Bild von Adrian Sutil, der in der Boxengasse weinend zusammenbrach, während Mallya ihn tröstete, ging um die Welt. Es gab keine Punkte. Aber an diesem Tag änderte sich die Wahrnehmung. Force India war nicht mehr nur das Spielzeug eines Milliardärs. Sie waren Racer.
Kapitel 2: Die technologische Revolution und das Wunder von Spa (2009)
Mallya war kein Ingenieur, aber er war ein cleverer Geschäftsmann. Er erkannte Ende 2008, dass das Team mit Ferrari-Motoren (die sie damals nutzten) und eigenem Getriebe in einer Sackgasse steckte. Er traf eine Entscheidung, die das Schicksal des Teams für das nächste Jahrzehnt prägen sollte: Er kündigte den Ferrari-Vertrag und ging eine technische Partnerschaft mit McLaren-Mercedes ein. Force India bekam den besten Motor im Feld (Mercedes) und das Getriebe sowie die Hydraulik von McLaren. Das erlaubte den Ingenieuren in Silverstone, sich voll auf die Aerodynamik zu konzentrieren.
Spa-Francorchamps, 2009. Der VJM02 war eine Diva. Er funktionierte auf den meisten Strecken schlecht, hatte aber extrem wenig Luftwiderstand. Und dann kamen die Ardennen. Giancarlo Fisichella fuhr im Qualifying die Runde seines Lebens. Pole Position. Die Welt rieb sich die Augen. Ein Force India auf Platz 1? Vor den Brawns, vor den Red Bulls? Benzinbetrug? Nein. Das Auto war auf den Geraden eine Rakete. Im Rennen wurde Fisichella Zweiter, nur knapp geschlagen von Kimi Räikkönens Ferrari (der dank KERS am Start vorbeizog). Als die indische Hymne fast gespielt worden wäre und die Flagge über dem Podium wehte, weinte Vijay Mallya. Es war der Beweis, dass sein Modell funktionierte. Force India war angekommen.
Kapitel 3: Das effizienteste Pfund pro Punkt
In den Jahren 2010 bis 2013 etablierte sich Force India als die Definition des Mittelfelds. Während Toyota und BMW hunderte Millionen verbrannten und sich zurückzogen, gab Force India einen Bruchteil davon aus und wurde schneller. Das Geheimnis lag in der Struktur. Unter der Leitung von Bob Fernley (Mallyas rechter Hand) und Otmar Szafnauer (ab 2009) entwickelte das Team eine Kultur der absoluten Effizienz.
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Keine Politik: Anders als bei großen Teams gab es keine Vorstandssitzungen, die Wochen dauerten. Wenn die Ingenieure um Andy Green eine Idee hatten, wurde sie gebaut.
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Outsourcing: Force India nutzte den Windkanal von Toyota in Köln, statt einen eigenen zu bauen. Sie kauften alles zu, was das Reglement erlaubte, und bauten den Rest selbst.
Die Fahrer-Schmiede Mallya hatte ein Händchen für Talente.
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Paul di Resta: Der DTM-Champion brachte Konstanz.
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Nico Hülkenberg: Der „Hülk“ fuhr 2012 in Brasilien fast zum Sieg (bevor er mit Hamilton kollidierte). Er war der Anführer, den das Team brauchte.
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Sergio „Checo“ Pérez: Von McLaren verstoßen, fand er bei Force India ein Zuhause. Pérez war der Reifenflüsterer. Er holte Podestplätze in Bahrain, Russland, Monaco und Baku. Immer wenn vorne etwas passierte, war ein Force India da, um die Krümel aufzusammeln – und oft war es Pérez.
Kapitel 4: Der Höhepunkt – „Best of the Rest“ (2016-2017)
Dies sind die goldenen Jahre. Die Formel 1 wurde von Mercedes, Ferrari und Red Bull dominiert. Diese drei Teams hatten Budgets von 400 Millionen Dollar und mehr. Force India hatte vielleicht 120 Millionen. Dennoch beendete das Team die Konstrukteurs-WM 2016 und 2017 auf Platz 4. Sie schlugen Williams. Sie schlugen McLaren. Sie schlugen Renault. Das Auto, nun im ikonischen Pink des Sponsors BWT (ab 2017), war ein Meisterwerk der Aerodynamik.
Der Bürgerkrieg: Ocon vs. Pérez Mit dem Erfolg kam die Spannung. Mallya holte das Mercedes-Supertalent Esteban Ocon ins Team. Ocon war jung, hungrig und respektlos. Er und der erfahrene Pérez gerieten immer wieder aneinander.
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Kanada 2017: Pérez weigerte sich, Ocon vorbeizulassen.
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Baku 2017: Die beiden kollidierten und warfen ein sicheres Doppelpodium weg.
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Spa 2017: Ocon wurde von Pérez bei 300 km/h fast in die Mauer gedrückt. Das Team musste eingreifen und eine Stallorder verhängen („Rules of Engagement“). Es zeigte, wie heiß es in der Küche geworden war. Mallya managte das aus der Ferne – denn zu diesem Zeitpunkt konnte er Indien bereits nicht mehr verlassen und später Großbritannien nicht mehr verlassen.
Kapitel 5: Der Schatten des Gesetzes
Während das Team auf der Strecke glänzte, bröckelte das Imperium des Besitzers. Vijay Mallyas Fluggesellschaft Kingfisher Airlines war 2012 spektakulär pleitegegangen. Tausende Mitarbeiter wurden nicht bezahlt, Schulden in Milliardenhöhe häuften sich an. Indische Banken forderten ihr Geld zurück. Mallya floh nach Großbritannien. Er wurde in Indien zum „Willful Defaulter“ (vorsätzlicher Schuldner) erklärt und per Haftbefehl gesucht. Sein Diplomatenpass wurde eingezogen.
Das hatte bizarre Folgen für das Team:
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Mallya konnte zu fast keinen Rennen mehr reisen (außer Silverstone).
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Er dirigierte das Team per Video-Call aus seinem Landhaus in Hertfordshire.
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Die Sponsorengelder aus Indien versiegten, da keine indische Firma mit einem „Flüchtling“ assoziiert werden wollte.
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Sahara, der Co-Besitzer, saß in Indien im Gefängnis.
Das Team Force India wurde zu einem Paradoxon: Es war sportlich auf dem Höhepunkt, aber finanziell klinisch tot. Die Preisgelder wurden sofort gepfändet oder flossen in die Schuldentilgung. Zulieferer warteten monatelang auf Geld. Es fehlten Ersatzteile.
Kapitel 6: Der unvermeidliche Absturz (2018)
Mitte der Saison 2018 ging nichts mehr. Sergio Pérez, eigentlich Mallya loyal verbunden, tat das Einzige, was das Team retten konnte: Er (zusammen mit Sponsoren und Mercedes) leitete ein Insolvenzverfahren ein. Nicht um dem Team zu schaden, sondern um es vor der Zerschlagung durch andere Gläubiger zu schützen. Es war das Ende von „Force India“. Mallya verlor die Kontrolle. Lawrence Stroll kaufte die Konkursmasse. Das Team wurde zu Racing Point Force India, dann Racing Point, heute Aston Martin.
Epilog: Vijay Mallyas Vermächtnis
War Vijay Mallya ein Betrüger, der das Team mit gestohlenem Geld finanzierte? Oder war er ein visionärer Patriot, der Indien auf die Weltkarte des Motorsports brachte? Die Wahrheit liegt dazwischen. Ohne Mallyas Eitelkeit und seinen anfänglichen Geldregen hätte das Team in Silverstone (nach dem Spyker-Desaster) wohl dichtmachen müssen. Er gab Ingenieuren wie Andrew Green die Freiheit, Wunder zu vollbringen. Er gab Fahrern wie Hülkenberg und Pérez Karrieren. Force India war mehr als ein Team. Es war eine Familie, die zusammenhielt, während der „Vater“ von Interpol gesucht wurde. Es war das Team, dem jeder neutrale Fan die Daumen drückte, weil sie mit einem Taschenmesser zu einer Schießerei kamen – und meistens gewannen.
Als der Name „India“ 2019 endgültig aus der Startliste verschwand, endete eine der farbenfrohsten, chaotischsten und beeindruckendsten Äras der modernen Formel 1.
Die DNA von Silverstone
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Jordan Grand Prix ▼
Midland / Spyker ▼
Force India 🇮🇳 ▼
Racing Point ▼
Aston Martin ▼
Hältst du mein Schreib-Team am Laufen? 🔧 Genau wie Force India versuche ich, mit begrenzten Mitteln das Maximum herauszuholen. Diese Deep-Dives in die F1-Geschichte kosten zwar keine 100 Millionen, aber viel Zeit, Herzblut und Kaffee. Wenn dir die Story über Vijay Mallya gefallen hat und du unabhängigen Motorsport-Content unterstützen möchtest, freue ich mich riesig über einen kleinen „Boxenstopp“ in meiner Kaffeekasse.







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