Der 26. September 1999 markiert eines der denkwürdigsten Kapitel in der Geschichte der Formel 1. Der Große Preis von Europa auf dem Nürburgring war weit mehr als nur ein Rennen; es war ein Drama in mehreren Akten, geprägt von meteorologischen Kapriolen, menschlichen Tragödien und einem Ergebnis, das selbst die kühnsten Buchmacher nicht vorhergesagt hätten. In einer Saison, die durch den Beinbruch von Michael Schumacher in Silverstone bereits völlig offen war, spitzte sich der Vierkampf um den Titel zwischen Mika Häkkinen (McLaren), Eddie Irvine (Ferrari), Heinz-Harald Frentzen (Jordan) und David Coulthard (McLaren) in der Eifel dramatisch zu.
Das Qualifying: Ein Vorgeschmack auf das Unvorhersehbare
Bereits der Samstag ließ erahnen, dass dieses Wochenende nicht nach Standardschema ablaufen würde. Das Qualifying fand unter tückischen, wechselhaften Bedingungen statt. Die Strecke trocknete nach Regenschauern ab, was das Zeitfenster für die perfekte Runde extrem klein machte. Während die Favoriten von McLaren nervös agierten, schlug die Stunde von Heinz-Harald Frentzen. Im gelben Jordan-Mugen-Honda, dem Überraschungsauto der Saison, nutzte der Mönchengladbacher die Gunst der Stunde und brannte eine Fabelzeit in den Asphalt.
Unter dem Jubel der heimischen Fans sicherte sich Frentzen die Pole-Position – ein massives Statement im Titelkampf. Neben ihm in der ersten Reihe qualifizierte sich David Coulthard, während der amtierende Weltmeister Mika Häkkinen sich mit Platz drei begnügen musste. Ralf Schumacher im Williams komplettierte als Vierter ein starkes Ergebnis für die deutschen Piloten und Motorenhersteller. Ferrari hingegen erlebte ein Debakel: Eddie Irvine kam nur auf Platz neun, Mika Salo auf Platz zwölf. Die Bühne für ein spannungsgeladenes Rennen war bereitet.
Der Start: Horrorcrash und Safety-Car
Die Spannung vor dem Start entlud sich zunächst in Verwirrung. Wegen eines Problems bei der Startampel und Fahrern, die ihre Positionen nicht korrekt eingenommen hatten (Marc Gené und Alessandro Zanardi standen falsch), musste der erste Startversuch abgebrochen werden. Die Renndistanz wurde um eine Runde verkürzt, und das Feld begab sich in eine weitere Einführungsrunde.
Beim zweiten Versuch kam das Feld gut weg, doch nur wenige Kurven später hielt die Formel-1-Welt den Atem an. Im hinteren Mittelfeld kollidierte der Sauber von Pedro Diniz mit dem Benetton von Alexander Wurz. Der Sauber wurde ausgehebelt, überschlug sich mehrfach und landete kopfüber im Gras. Das Erschreckende: Der Überrollbügel des Sauber C18 war bei dem Aufprall komplett weggebrochen. Diniz hing schutzlos, nur durch den Halo-losen Cockpitrand geschützt, im weichen Boden fest. Dass der Brasilianer unverletzt aus dem Wrack geborgen werden konnte, grenzte an ein Wunder und führte zu sofortigen Diskussionen über die Sicherheitsstandards der Überrollstrukturen. Das Safety-Car musste ausrücken, um das Trümmerfeld zu beseitigen.
Das Reifen-Roulette: Häkkinens Fehlkalkulation
Nach dem Restart behielt Frentzen die Nerven und führte das Feld souverän an. Doch der eigentliche Gegner an diesem Tag war nicht die Konkurrenz, sondern der Himmel über der Eifel. Leichter Regen setzte ein – nicht stark genug für Regenreifen, aber zu nass für Slicks. Es begann eine Phase des Taktierens, die erste Opfer forderte.
Ron Dennis und das McLaren-Team trafen eine verhängnisvolle Entscheidung. Als der Regen kurzzeitig zunahm, holten sie Mika Häkkinen an die Box und zogen Regenreifen auf. Es war viel zu früh. Der Regen hörte fast augenblicklich wieder auf. Während Frentzen, Coulthard und Ralf Schumacher auf Trockenreifen draußen blieben und normale Rundenzeiten fuhren, ruinierte Häkkinen seine Regenreifen auf trockener Strecke und verlor pro Runde fast zehn Sekunden. Der Weltmeister fiel hoffnungslos zurück und musste wenig später erneut stoppen, um wieder auf Slicks zu wechseln – er war überrundet und schien aus dem Rennen um die Punkte zu sein.
Der Fluch des Führenden
Was nun folgte, ging als „Der Fluch der Führung“ in die Geschichte ein. Heinz-Harald Frentzen dominierte das Geschehen nach Belieben. Er hatte den Sieg und damit die WM-Führung vor Augen. Nach seinem ersten regulären Boxenstopp in Runde 32 passierte jedoch das Unfassbare: Frentzen fuhr aus der Boxengasse, beschleunigte in die erste Kurve, und plötzlich starb der Jordan-Motor ab. Ein vergessenes System-Reset oder ein Elektronikdefekt legte das Auto lahm. Frentzen rollte fassungslos aus. Der Traum vom Heimsieg und der möglichen Weltmeisterschaft war in Sekundenbruchteilen zerplatzt.
Die Führung erbte David Coulthard. Der Schotte wusste, dass er mit einem Sieg im Titelrennen zurück wäre. Doch der Regen kehrte zurück, diesmal heftiger. Coulthard blieb auf Slicks, versuchte, den Vorsprung zu verwalten, doch er pushte zu hart. In Runde 37 verlor er auf der rutschigen Fahrbahn die Kontrolle, rutschte von der Strecke und blieb im Kiesbett stecken.
Damit ging die Führung an Ralf Schumacher über. Der junge Williams-Pilot fuhr das Rennen seines Lebens. Doch der Fluch schlug erneut zu: In Runde 49 platzte hinten rechts sein Reifen. Ralf konnte den Wagen zwar abfangen und an die Box schleppen, fiel aber auf Platz vier zurück.
Nun lag Giancarlo Fisichella im Benetton vorn. Es wäre sein erster Grand-Prix-Sieg gewesen. Doch auch er hielt dem Druck und den Bedingungen nicht stand. In Führung liegend drehte er sich ins Aus, warf die Hände in die Luft und weinte am Streckenrand. Vier Führende, vier Dramen.
Die Tragödie von Luca Badoer
Während an der Spitze das Chaos regierte, fuhr im Hinterfeld ein Mann das Rennen seines Lebens: Luca Badoer im Minardi. Das kleine italienische Team, chronisch unterfinanziert, fand sich durch die vielen Ausfälle und Badoers fehlerfreie Fahrt plötzlich auf Platz vier wieder. 13 Runden vor Schluss lag Badoer auf Punktekurs – es wären die ersten Punkte seiner langen Karriere und eine Sensation für Minardi gewesen.
Doch das Schicksal war an diesem Tag grausam. In Runde 53 gab das Getriebe des Minardi M01 den Geist auf. Badoer rollte am Streckenrand aus. Was folgte, war eines der herzzerreißendsten Bilder der 90er-Jahre: Badoer stieg aus, sank neben seinem Auto auf die Knie und brach in Tränen aus. Er weinte hemmungslos, unfähig, den Helm abzunehmen. Die Streckenposten mussten den am Boden zerstörten Italiener trösten. Es sollte seine beste Chance auf Punkte bleiben – er beendete seine Karriere später als der Fahrer mit den meisten Rennen ohne einen einzigen WM-Punkt.
Das Ferrari-Desaster
Auch für Ferrari war der Nürburgring ein Ort des Schreckens. Im Kampf um die Konstrukteurs-WM und Irvines Fahrertitel leistete sich die Scuderia einen der peinlichsten Fehler ihrer Geschichte. Als Eddie Irvine zum Stopp kam, herrschte pures Chaos. Die Mechaniker standen bereit, doch das rechte Hinterrad fehlte.
Sekunden verstrichen, die sich wie Stunden anfühlten. Ein Mechaniker rannte hektisch durch die Garage, um den fehlenden Reifen zu holen. Irvine stand fast 30 Sekunden lang. Das Rennen war für ihn gelaufen, er fiel weit zurück und verlor wichtige Punkte im Kampf gegen Häkkinen, der sich mühsam wieder nach vorne arbeitete.
Der lachende Dritte: Johnny Herbert
Während die Favoriten reihenweise ausfielen oder Fehler machten, behielt einer einen kühlen Kopf: Johnny Herbert im Stewart-Ford. Das Team der Rennlegende Jackie Stewart, das erst 1997 gegründet worden war, agierte strategisch brillant. Herbert war unauffällig gestartet, hatte sich aus allen Scharmützeln herausgehalten und zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Reifen gewählt.
Nach Fisichellas Ausfall übernahm Herbert die Führung. Hinter ihm tobte ein Kampf der Außenseiter: Jarno Trulli im Prost-Peugeot und Rubens Barrichello im zweiten Stewart wuchsen über sich hinaus. In den letzten Runden versuchte Barrichello alles, um Trulli zu überholen und einen Stewart-Doppelsieg perfekt zu machen, doch der Italiener verteidigte sich grandios.
Als die Zielflagge fiel, war die Sensation perfekt. Johnny Herbert gewann den Großen Preis von Europa. Es war der erste und einzige Sieg für das Team Stewart Grand Prix (das im Jahr darauf zu Jaguar wurde). Jackie Stewart umarmte seine Fahrer mit Tränen in den Augen. Das Podium war ein Spiegelbild dieser verrückten Saison: Herbert (Stewart) vor Trulli (Prost) und Barrichello (Stewart).
Mika Häkkinen rettete nach seiner Aufholjagd als Fünfter noch zwei WM-Punkte, die sich am Ende der Saison als entscheidend für seinen zweiten Titelgewinn erweisen sollten. Eddie Irvine ging als Siebter (damals gab es nur Punkte für die Top 6) leer aus.
Das Rennen auf dem Nürburgring 1999 bleibt ein Lehrstück über die Unberechenbarkeit des Motorsports. Es zeigte, dass im Regen der Eifel Technik und Favoritenstatus nichts bedeuten, wenn das Glück nicht auf deiner Seite ist.
GP Europa 1999
| Pos | Fahrer | Team | Rückstand/Status |
|---|---|---|---|
| 1 | Johnny HERBERT | Stewart Ford | 1:41:54.314 |
| 2 | Jarno TRULLI | Prost Peugeot | + 22.619 |
| 3 | Rubens BARRICHELLO | Stewart Ford | + 22.866 |
| 4 | Ralf SCHUMACHER | Williams Supertec | + 39.508 |
| 5 | Mika HÄKKINEN | McLaren Mercedes | + 1:02.950 |
| 6 | Marc GENÉ | Minardi Ford | + 1:05.154 |
| 7 | Eddie IRVINE | Ferrari | + 1:06.683 |
| 8 | Ricardo ZONTA | BAR Supertec | + 1 Runde |
| 9 | Olivier PANIS | Prost Peugeot | + 1 Runde |
| 10 | Jacques VILLENEUVE | BAR Supertec | Kupplung (61) |
| 11 | Luca BADOER | Minardi Ford | Getriebe (53) |
| 12 | Pedro DE LA ROSA | Arrows | Getriebe (52) |
| 13 | Giancarlo FISICHELLA | Benetton Playlife | Unfall (48) |
| 14 | Mika SALO | Ferrari | Bremsen (44) |
| 15 | Toranosuke TAKAGI | Arrows | Unfall (42) |
| 16 | David COULTHARD | McLaren Mercedes | Unfall (37) |
| 17 | Jean ALESI | Sauber Petronas | Antriebswelle (35) |
| 18 | Heinz-H. FRENTZEN | Jordan Mugen | Elektrik (32) |
| 19 | Alessandro ZANARDI | Williams Supertec | Kollision (10) |
| 20 | Damon HILL | Jordan Mugen | Elektrik (0) |
| 21 | Alexander WURZ | Benetton Playlife | Kollision (0) |
| 22 | Pedro DINIZ | Sauber Petronas | Kollision (0) |
| Pos | Fahrer | Team | Zeit |
|---|---|---|---|
| PP | Heinz-H. FRENTZEN | Jordan Mugen | 1:19.910 |
| 2 | David COULTHARD | McLaren Mercedes | 1:20.176 |
| 3 | Mika HÄKKINEN | McLaren Mercedes | 1:20.376 |
| 4 | Ralf SCHUMACHER | Williams Supertec | 1:20.444 |
| 5 | Olivier PANIS | Prost Peugeot | 1:20.638 |
| 6 | Giancarlo FISICHELLA | Benetton Playlife | 1:20.781 |
| 7 | Damon HILL | Jordan Mugen | 1:20.818 |
| 8 | Jacques VILLENEUVE | BAR Supertec | 1:20.825 |
| 9 | Eddie IRVINE | Ferrari | 1:20.842 |
| 10 | Jarno TRULLI | Prost Peugeot | 1:20.965 |
| 11 | Alexander WURZ | Benetton Playlife | 1:21.144 |
| 12 | Mika SALO | Ferrari | 1:21.314 |
| 13 | Pedro DINIZ | Sauber Petronas | 1:21.345 |
| 14 | Johnny HERBERT | Stewart Ford | 1:21.379 |
| 15 | Rubens BARRICHELLO | Stewart Ford | 1:21.490 |
| 16 | Jean ALESI | Sauber Petronas | 1:21.634 |
| 17 | Ricardo ZONTA | BAR Supertec | 1:22.267 |
| 18 | Alessandro ZANARDI | Williams Supertec | 1:22.284 |
| 19 | Luca BADOER | Minardi Ford | 1:22.631 |
| 20 | Marc GENÉ | Minardi Ford | 1:22.760 |
| 21 | Toranosuke TAKAGI | Arrows | 1:23.401 |
| 22 | Pedro DE LA ROSA | Arrows | 1:23.698 |
| # | Fahrer | Runde | Zeit |
|---|---|---|---|
| 1 | Mika HÄKKINEN | 64 | 1:21.282 |
| 2 | David COULTHARD | 29 | 1:21.835 |
| 3 | Heinz-H. FRENTZEN | 29 | 1:22.082 |
| 4 | Ralf SCHUMACHER | 64 | 1:22.237 |
| 5 | Giancarlo FISICHELLA | 31 | 1:22.244 |
| 6 | Eddie IRVINE | 65 | 1:22.332 |
| 7 | Jacques VILLENEUVE | 32 | 1:22.564 |
| 8 | Rubens BARRICHELLO | 32 | 1:22.960 |
| 9 | Johnny HERBERT | 32 | 1:23.010 |
| 10 | Ricardo ZONTA | 64 | 1:23.067 |
| 11 | Jean ALESI | 15 | 1:23.097 |
| 12 | Mika SALO | 31 | 1:23.404 |
| 13 | Marc GENÉ | 30 | 1:23.657 |
| 14 | Jarno TRULLI | 30 | 1:23.742 |
| 15 | Luca BADOER | 33 | 1:23.745 |
| 16 | Olivier PANIS | 16 | 1:23.905 |
| 17 | Alessandro ZANARDI | 9 | 1:24.300 |
| 18 | Toranosuke TAKAGI | 30 | 1:24.848 |
| 19 | Pedro DE LA ROSA | 8 | 1:24.857 |
| 20 | Damon HILL | – | Keine Zeit |
| 21 | Alexander WURZ | – | Keine Zeit |
| 22 | Pedro DINIZ | – | Keine Zeit |
Jordan
McLaren
Williams
Benetton
Williams
Stewart Ford
Anmerkung: Marc Gené holte durch den Ausfall seines Teamkollegen Badoer den ersten Punkt für Minardi seit 1995 – eine bittere Ironie für Luca Badoer.
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