Die Saison 1997 markierte die Rückkehr des legendären britischen Rennwagenherstellers Lola in die Formel 1. Nach Jahren als erfolgreicher Chassis-Lieferant (u.a. für Larrousse oder BMS Scuderia Italia) wagte Gründer Eric Broadley den ultimativen Schritt: Ein eigenes Werksteam unter dem Namen Mastercard Lola Formula One. Was als Krönung einer beispiellosen Motorsport-Geschichte gedacht war, endete in einer der größten Katastrophen der modernen Formel 1 und riss das gesamte Unternehmen mit in den Abgrund.

Ein Auto, das ein Jahr zu früh kam

Das Herzstück des Projekts war der Lola T97/30. Das Design unter der Leitung von Eric Broadley basierte auf soliden Prinzipien, doch das Auto litt unter einem fatalen Geburtsfehler: Es existierte eigentlich zur falschen Zeit. Ursprünglich plante Lola den Einstieg erst für die Saison 1998. Dies hätte ein Jahr Entwicklungszeit und ausgiebige Tests bedeutet. Doch der Hauptsponsor Mastercard drängte aggressiv auf einen Start bereits 1997, um ein neuartiges Marketing-Konzept (den „Mastercard F1 Club“) zu bewerben. Broadley gab dem Druck nach – eine Entscheidung, die sich als Todesurteil für das Team erwies. Der Wagen wurde in wenigen Monaten ohne Windkanaltests praktisch „am Reißbrett“ entworfen und zusammengeschraubt.

Das Motoren-Dilemma: Notlösung statt Innovation

Ein entscheidender Faktor für das Scheitern war der Antrieb. Lola plante eigentlich eine technische Revolution: einen eigenen, im Haus entwickelten V10-Motor (konstruiert von Al Melling). Doch durch den vorgezogenen Start wurde dieses Aggregat nicht rechtzeitig fertig. Das Team musste improvisieren und griff ins unterste Regal. Statt eines modernen V10-Werksmotors (wie Renault, Ferrari oder Mercedes) musste Lola einen veralteten Ford ECA Zetec-R V8 einbauen. Dieser Motor war im Grunde eine Weiterentwicklung des Aggregats, mit dem Michael Schumacher 1994 Weltmeister wurde, aber im Jahr 1997 war er den modernen V10-Motoren an Leistung (ca. 100 PS Defizit) und Gewicht hoffnungslos unterlegen. Die im Text erwähnte „Exklusivität“ war also keine Wahl, sondern eine Verzweiflungstat.

Die Fahrer: Ein Champion und ein Millionärssohn

Für die Debütsaison verpflichtete Lola eine interessante Mischung. Ricardo Rosset, ein Brasilianer mit viel Sponsorengeld, brachte Erfahrung von Footwork/Arrows mit. Sein Teamkollege war jedoch kein klassischer Paydriver, sondern ein echtes Talent: Der Italiener Vincenzo Sospiri kam als amtierender Meister der Formel 3000 (der direkten Vorstufe der F1) ins Team. Für Sospiri sollte es der Durchbruch werden, doch es wurde zur Sackgasse seiner Karriere.

Das Desaster von Melbourne

Die Realität traf das Team beim Saisonauftakt in Australien mit voller Wucht. Ohne nennenswerte Testkilometer rollte der T97/30 auf die Strecke. Das Auto war aerodynamisch ineffizient („wie eine Wand im Wind“) und auf den Geraden viel zu langsam.

Das Qualifying wurde zum Albtraum. Die Pole-Position holte Jacques Villeneuve im Williams mit einer 1:29.369. Um am Rennen teilzunehmen, mussten die Fahrer innerhalb von 107 Prozent dieser Zeit bleiben (maximal 1:35.625). Die Realität war schockierend:

  • Vincenzo Sospiri: 1:40.972 (+ 11,6 Sekunden)

  • Ricardo Rosset: 1:42.086 (+ 12,7 Sekunden)

Beide Autos waren nicht nur zu langsam, sie waren verkehrsgefährdend langsam. Die FIA verweigerte folgerichtig die Starterlaubnis. Sospiri war zwar der Schnellere der beiden, doch das war nur ein schwacher Trost.

Das schnelle Ende in Brasilien

Nach der Blamage reiste das Team noch zum zweiten Rennen nach Brasilien. Die Autos wurden in Interlagos ausgepackt, die Mechaniker standen bereit. Doch am Mittwoch vor dem Rennen zog Mastercard den Stecker. Das Geschäftsmodell des Sponsors basierte darauf, dass Fans Mitgliedschaften im „Mastercard F1 Club“ kauften, um das Team zu finanzieren. Nach der Demütigung in Australien wollte niemand mehr Teil dieses Clubs sein. Mastercard kündigte den Vertrag fristlos. Mit Schulden in Millionenhöhe musste Lola sofort aufgeben. Die Autos rollten in Brasilien keinen Meter mehr.

Das Fiasko trieb nicht nur das F1-Team, sondern kurz darauf auch den Mutterkonzern Lola Cars in den Konkurs. Eric Broadley verlor sein Lebenswerk.

Technische Daten Lola T97/30

  • Chassis: Kohlefaser-Monocoque

  • Motor: Ford ECA Zetec-R V8 (ca. 600-620 PS)

  • Reifen: Bridgestone (Debütjahr für den Hersteller)

  • Besonderheit: Breite Seitenkästen, hoher Luftwiderstand, keine Servolenkung (was das Fahren extrem physisch machte).

Fazit: Eine Warnung für die Ewigkeit

Der Lola T97/30 steht heute als Mahnmal in der Formel-1-Geschichte. Er zeigt, dass selbst einer der größten Namen im Rennwagenbau (Lola hatte mehr IndyCars und Sportwagen gebaut als fast jeder andere) nicht gegen die Gesetze der Physik und der Ökonomie immun ist. Der Versuch, die Formel 1 mit einem unfertigen Auto und einem veralteten Motor zu erzwingen, zerstörte den Ruf einer Legende innerhalb von nur einem Wochenende. Für Vincenzo Sospiri blieb es bei dem tragischen Rekord: Ein F3000-Champion, der als F1-Fahrer gemeldet war, aber nie ein Rennen starten durfte.

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Recherchen wie diese, um die wahren Hintergründe des Lola-Debakels jenseits der bloßen Statistiken aufzuarbeiten, kosten Zeit und Mühe. Wir wollen nicht wie Mastercard Lola schon nach dem ersten Versuch aufgeben müssen, weil das Budget fehlt! 😉

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