1. Das Szenario: Die Angst vor dem Kollaps (Winter 2008/2009)
Kontext: Im Dezember 2008 schockt Honda die Welt mit dem sofortigen Ausstieg. Die Weltwirtschaftskrise tobt. FIA-Präsident Max Mosley sieht seine Chance, die Macht der Hersteller (Ferrari, McLaren-Mercedes, BMW, Toyota, Renault) zu brechen. Er will zurück zu den Wurzeln: Unabhängige Privatteams („Garagisten“), die die F1 füllen, falls die Konzerne fliehen.
Der Plan (April 2009): Mosley präsentiert das Konzept der Budgetobergrenze von 40 Millionen Pfund (ca. 45 Mio. € damals).
- Der Clou (Two-Tier-Championship): Das Budget-Cap ist freiwillig.
- Gruppe A (Unlimited): Darf so viel Geld ausgeben wie sie wollen, unterliegt aber strikten technischen Regeln (wie 2009).
- Gruppe B (Capped Teams): Darf nur 40 Mio. ausgeben, bekommt aber bewegliche Flügel (vorne und hinten) und keine Drehzahlbegrenzung (ca. 20.000 U/min statt 18.000).
Zitat Max Mosley: „Die Formel 1 ist unhaltbar teuer geworden. Wir brauchen Teams, die mit einem normalen Budget profitabel arbeiten können. Niemand soll mehr Geld brauchen als der Sponsor auf dem Heckflügel zahlt.“
2. Die Bewerbungsphase: Goldgräberstimmung (Mai 2009)
Die FIA öffnet das Fenster für Bewerbungen. Die Frist endet Ende Mai. Die Anmeldegebühr ist hoch, aber die Aussicht, mit 40 Millionen gegen Ferrari zu gewinnen (dank der technischen Vorteile), lockt Glücksritter und Legenden an.
Die Bewerberliste (Die „Dirty Dozen“ und mehr): Es bewarben sich offiziell 15 Teams für 3 freie Plätze (das Feld sollte von 10 auf 13 Teams wachsen).
- Die Seriösen:
- Prodrive (David Richards): Hatte F1-Erfahrung (BAR), leitete Aston Martin Racing.
- Lola Cars: Wollte zum 50. Firmenjubiläum zurück. Hatte Windkanal und Fabrik parat.
- Epsilon Euskadi (Joan Villadelprat): Hatte ein Le-Mans-Projekt und eine High-Tech-Basis in Spanien.
- Die Unbekannten/Exoten: 4. N.Technology: Erfolgreich in der WTCC. 5. Litespeed: Ein britisches F3-Team, das sich die Rechte am Namen „Team Lotus“ sicherte (nicht zu verwechseln mit dem späteren Lotus Racing). 6. March: Ein Versuch, den alten Namen wiederzubeleben. 7. Brabham: Ein dubioser Versuch der Formtech-Gruppe, den Namen zu nutzen (Familie Brabham klagte dagegen). 8. Stefan GP: Zoran Stefanović aus Serbien (Der hartnäckigste Abgelehnte).
3. Der 12. Juni 2009: Die Schock-Verkündung
Die FIA veröffentlicht die Startliste für 2010. Das Ergebnis ist eine Sensation und ein Skandal.
Die Gewinner:
- Campos Meta 1 (Spanien – Adrian Campos)
- Manor Grand Prix (UK – John Booth, später Virgin)
- Team US F1 (USA – Ken Anderson/Peter Windsor)
Die Abgelehnten (und warum):
- Prodrive & Lola: Beide wurden abgelehnt.
- Der Grund: Sie machten ihre Teilnahme davon abhängig, dass das Reglement stabil bleibt und die Budgetgrenze garantiert kommt. Mosley wollte aber bedingungslosen Gehorsam. Er wählte die Teams, die „Ja“ zu allem sagten, egal wie die Regeln am Ende aussehen würden.
- Epsilon Euskadi: Wurde als „Reserve“ eingestuft. Finanzielle Garantien waren der FIA wohl zu unsicher im Vergleich zu den anderen (Ironie des Schicksals, da Campos und USF1 später pleite gingen).
Zitat Martin Birrane (Lola Boss): „Wir sind fassungslos. Wir haben eine Fabrik, einen Windkanal und das Budget. Die gewählten Teams haben nichts davon.“
4. Der Wendepunkt: Der politische Verrat (Juni/Juli 2009)
Hier kippt die Geschichte für die Neueinsteiger ins Negative.
- 18. Juni: Die FOTA (Ferrari, McLaren, etc.) kündigt eine „Breakaway Series“ an. Sie wollen nicht unter einem Zwei-Klassen-Reglement fahren.
- 24. Juni: Der Friedensschluss in Paris.
- Max Mosley kündigt an, nicht mehr zur Wiederwahl anzutreten.
- Die FOTA bleibt in der F1.
- Der Deal: Das 40-Mio-Budget-Cap ist vom Tisch. Das Reglement bleibt für alle gleich (keine technischen Vorteile für kleine Teams).
Die Falle schnappt zu: Campos, Manor und USF1 hatten Verträge unterschrieben. Sie hatten Businesspläne basierend auf 40 Mio. Budget erstellt. Jetzt plötzlich mussten sie in einer Serie antreten, in der die Gegner 300 Mio. ausgaben, ohne dass sie die versprochenen Vorteile (Drehzahl, Flügel) bekamen. Sie waren tot, bevor sie geboren wurden.
5. Das Nachspiel: Wer füllt das Feld auf? (Spätjahr 2009)
Das Chaos war noch nicht vorbei.
- BMW zieht den Stecker (Juli 2009): Plötzlich wird ein Platz eines etablierten Teams frei.
- Der Kampf um Platz 13: Die FIA schreibt den BMW-Platz neu aus.
- Lotus Racing (Tony Fernandes): Wird im September 2009 bestätigt. Ein Projekt, das von der malaysischen Regierung gepusht wurde.
- Sauber: Peter Sauber kauft sein altes Team von BMW zurück, hat aber keinen Startplatz mehr.
- Toyota steigt aus (November 2009): Wieder wird ein Platz frei. Sauber rutscht nach.
- Stefan GP: Stefanović kauft die fertigen Toyota TF110 Chassis und Motoren. Er schickt Container mit Material nach Bahrain zum ersten Rennen, obwohl er keinen Startplatz hat. Die FIA verweigert ihm den Zutritt, selbst als US F1 offiziell kollabiert.
Zusammenfassung für den Artikel-Kasten:
- Die ursprüngliche Idee: Billige F1 für 40 Mio. €/Jahr.
- Das Lockmittel: Technische Vorteile gegen die großen Hersteller.
- Das Ergebnis: Hersteller zwangen FIA zum Verzicht auf Budget-Cap.
- Die Leidtragenden: Die neuen Teams mussten ohne Geld und ohne Vorteile antreten.
Lust auf mehr Racing-History? Die Geschichte der 2010er-Teams ist eine Geschichte von Träumern und Gescheiterten – genau solche Storys machen die F1 so faszinierend. Ich möchte diese vergessenen Kapitel wieder lebendig machen. Dieser Blog ist ein Ein-Mann-Team – genau wie Stefan GP damals (nur hoffentlich erfolgreicher!). Wenn du meine Arbeit supporten willst, damit ich auch in Zukunft tief in die F1-Geschichte eintauchen kann, freue ich mich über deinen Support. Das Budget fließt garantiert nicht in bewegliche Frontflügel, sondern direkt in den nächsten Artikel!







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