Wenn ich Fotos von alten Rennstrecken sehe, spüre ich oft Wehmut. Meistens sind sie unter Asphaltparkplätzen oder neuen Wohnsiedlungen verschwunden. Aber in der Champagne, nur wenige Kilometer westlich von Reims, ist das anders. Dort steht die Zeit still.

Fährt man dort die Landstraße D27 entlang, tauchen sie plötzlich aus den Feldern auf: Die riesigen, verwitterten Tribünen und die lange Boxengasse des Circuit de Reims-Gueux. Sie sind keine Ruinen im klassischen Sinne, sondern ein gepflegtes Freilichtmuseum des Motorsports. Die Werbeaufschriften für „Total“ und „Energol“ sind verblasst, aber noch lesbar.

Für mich ist Reims-Gueux der faszinierendste „Lost Place“ der Formel-1-Geschichte. Hier wurde der Begriff „Slipstream“ (Windschatten) zur Kunstform erhoben, und hier endete die Karriere des größten Fahrers der frühen Jahre.

Das Layout: Ein Dreieck für Vollgas-Junkies

Reims war – ähnlich wie der alte Hockenheimring oder die AVUS – eine reine Hochgeschwindigkeitsstrecke. Das Layout war simpel: Ein gigantisches Dreieck aus öffentlichen Landstraßen, die für das Rennwochenende gesperrt wurden. Drei lange Geraden, drei harte Bremspunkte (Gueux, La Garenne, Thillois). Das war alles. Aber genau diese Einfachheit machte die Rennen so spektakulär. Die Autos fuhren minutenlang Volllast. Die Motoren glühten, und die Fahrer klebten förmlich am Heck des Vordermanns.

Hier zählte nicht der Anpressdruck, hier zählte nur die pure Motorleistung und der Mut, in der „Virage de Thillois“ (der letzten Kurve vor Start-Ziel) später zu bremsen als der Gegner.

Die Windschatten-Schlacht von 1961

Die Dramatik dieser Strecke lässt sich am besten am Grand Prix von 1961 erklären. Es war ein brütend heißer Sommertag. Der Asphalt schlug Blasen. Ein junger Italiener namens Giancarlo Baghetti trat zu seinem allerersten WM-Lauf an – in einem privat eingesetzten Ferrari.

Was folgte, war eines der engsten Finishs der Geschichte. Baghetti und Dan Gurney (im Porsche) lieferten sich ein rundenlanges Duell. Auf den langen Geraden saugte sich der Hintermann immer wieder heran. Aus der letzten Kurve heraus nutzte Baghetti den Windschatten perfekt, scherte aus und gewann mit einer Zehntelsekunde Vorsprung. Es bleibt bis heute das einzige Mal, dass ein Fahrer sein Debütrennen gewann (abgesehen vom allerersten Rennen 1950). Ein Märchen, das nur auf einer High-Speed-Bahn wie Reims geschrieben werden konnte.

Fangios Abschied

Doch Reims hat auch eine melancholische Seite. 1958 entschied sich hier das Schicksal des „Maestro“. Juan Manuel Fangio, der fünffache Weltmeister, fuhr hier sein allerletztes Formel-1-Rennen. Sein Maserati war nicht mehr konkurrenzfähig. Der Sieger Mike Hawthorn (Ferrari) hätte Fangio überrunden können, bremste aber demonstrativ ab, um dem großen Meister diese Schmach in seinem letzten Rennen zu ersparen. „Man überrundet Fangio nicht“, soll Hawthorn gesagt haben. Fangio stieg aus und kehrte nie wieder als Fahrer zurück. Es war das Ende einer Ära, besiegelt im staubigen Sonnenlicht der Champagne.

Das Ende und die Wiederauferstehung

1966 fand der letzte Grand Prix statt. Die Autos wurden zu schnell für die öffentlichen Straßen, die Sicherheitsanforderungen stiegen. 1972 schlossen sich die Tore endgültig. Jahrzehntelang verfielen die Gebäude. Bäume wuchsen durch die Sprecherkabinen, die Farbe blätterte ab. Normalerweise wäre hier die Abrissbirne gekommen.

Doch Reims hatte Glück. Eine Gruppe von Enthusiasten („Les Amis du Circuit de Gueux“) begann, die Gebäude zu retten. Sie strichen die Fassaden neu, reparierten Dächer und befreiten die Boxen vom Unkraut. Heute ist die Strecke ein Wallfahrtsort. Man kann mit dem eigenen Auto durch die alte Boxengasse fahren (da sie Teil der öffentlichen Straße ist) und für einen Moment die Geister der Vergangenheit spüren.

Warum ich Reims liebe

Es gibt technisch anspruchsvollere Strecken. Aber es gibt keinen Ort, der so sehr „Golden Era“ atmet. Wenn man vor den alten Anzeigetafeln steht, hört man fast das Knallen der Fehlzündungen und das Klirren der Champagnergläser. Reims-Gueux ist ein Denkmal dafür, dass Motorsport mehr ist als Rundenzeiten – er ist Kulturgeschichte. Jeder der einmal in der Champagne unterwegs ist, sollte sich die Zeit nehmen und in Reims über die D27 an der alten Start und Ziel Gerade vorbeizuschauen.

Strecken-Akte: Reims

🇫🇷
Status
Inaktiv (Denkmalgeschützt)
Layout
Dreieck (Öffentliche Straßen)
Länge (1966)
8,302 km
Letzter F1-Sieger
Jack Brabham (1966)
Charakter
Ultra-High-Speed / Windschatten
Historischer Moment (1961)

Giancarlo Baghetti gewinnt sein allererstes F1-Rennen durch ein Windschatten-Manöver in der letzten Runde. Ein bis heute einmaliger Rekord.

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