Wenn der Nebel aus den Eifelwäldern kriecht und sich über den Asphalt legt, dann spürt man sie noch heute: die Geister der Vergangenheit. Keine Rennstrecke der Welt besitzt eine solche Aura, keine flößt Fahrern mehr Respekt ein und keine hat die Geschichte der Formel 1 so brutal und zugleich heroisch geprägt wie der Nürburgring. Er ist mehr als ein Kurs; er ist ein Monument des Motorsports.

Von den waghalsigen Anfängen der „Silberpfeile“ über die Tragödie von Niki Lauda bis hin zur Michael-Schumacher-Hysterie der 90er Jahre – wir blicken zurück auf die Geschichte der wohl berühmtesten Rennstrecke der Welt.

Die Geburt eines Monsters (1925–1927)

Um die Bedeutung des Nürburgrings für die Formel 1 zu verstehen, muss man in eine Zeit zurückblicken, lange bevor die Königsklasse offiziell existierte. In den 1920er Jahren wurden Rennen in Deutschland oft auf öffentlichen Landstraßen ausgetragen – gefährlich, unorganisiert und staubig.

Der Bau des Nürburgrings ab 1925 war ein Projekt der Superlative, geboren aus der Not. Es war eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die strukturschwache Eifelregion („Notstandsarbeiten“), die Tausenden Menschen Lohn und Brot gab. Doch das Ziel war ambitioniert: Man wollte die härteste, längste und anspruchsvollste „Gebirgs-, Renn- und Prüfstrecke“ der Welt erschaffen.

Als Rudolf Caracciola 1927 das Eröffnungsrennen gewann, ahnte noch niemand, dass diese 28 Kilometer (Nordschleife und Südschleife kombiniert) zum ultimativen Maßstab für fahrerisches Können werden würden. Die Strecke wand sich wie ein Lindwurm um die Nürburg: unübersichtliche Kuppen, brutale Kompressionen und Kurven, die sich am Scheitelpunkt zuzogen.

Die goldene Ära und der „Meister aller Klassen“ (1950–1959)

Als die Formel 1 im Jahr 1950 ihre erste offizielle Weltmeisterschaftssaison startete, war Deutschland zunächst außen vor. Erst 1951 kehrte der Grand Prix auf den Nürburgring zurück. Alberto Ascari gewann im Ferrari, doch die Strecke begann bereits, ihren Ruf zu festigen. Die Fahrer nannten sie ehrfürchtig und ängstlich zugleich.

Der absolute Höhepunkt dieser Epoche – und vielleicht das größte Rennen in der Geschichte der Formel 1 überhaupt – ereignete sich am 4. August 1957. Es war der Tag, an dem Juan Manuel Fangio physikalische Gesetze außer Kraft zu setzen schien.

Fangio, bereits 46 Jahre alt, fuhr seinen leichten Maserati 250F gegen die übermächtigen Ferraris von Mike Hawthorn und Peter Collins. Nach einem verpatzten Boxenstopp (die Mechaniker verloren die Radmutter) lag der Argentinier fast eine Minute zurück. Was dann folgte, ging als „Die Aufholjagd des Jahrhunderts“ in die Annalen ein. Fangio brach in jeder einzelnen Runde den Streckenrekord. Er driftete mit einer Präzision durch die Eifelkurven, die Augenzeugen fassungslos machte.

In der vorletzten Runde überholte er beide Ferraris und gewann. Völlig erschöpft sagte er später: „Ich habe Dinge getan, die ich nie zuvor getan habe, und ich will so nie wieder fahren.“ Es war der ultimative Beweis dafür, dass der Nürburgring den Fahrer mehr fordert als jede andere Strecke.

Jackie Stewart und die „Grüne Hölle“ (1960–1973)

In den 60er Jahren veränderten sich die Autos drastisch. Sie wurden flacher, leichter und durch die Einführung von Flügeln und Slicks Ende des Jahrzehnts dramatisch schneller. Der Nürburgring jedoch blieb fast unverändert. Das wurde zum Problem.

Die Autos hoben an Sprungkuppen wie dem „Flugplatz“ oder dem „Pflanzgarten“ komplett ab. Fahrwerke schlugen in der „Fuchsröhre“ bei über 250 km/h durch. Die Strecke war schlicht zu schmal und zu wild für die modernen Monopostos.

Es war Sir Jackie Stewart, der dem Kurs seinen bis heute gültigen Beinamen gab: „Die Grüne Hölle“. Stewart hasste die Strecke wegen ihrer Risiken, und doch war er einer ihrer größten Bezwinger. Sein Sieg 1968, bei dichtem Nebel und strömendem Regen, mit einem gebrochenen Handgelenk (!), gilt als eine der größten Leistungen im Regen. Er gewann mit über vier Minuten Vorsprung.

Doch die Kritik wurde lauter. Es gab keine Auslaufzonen, nur Hecken und Bäume. Ein Fehler bedeutete oft den Tod. 1970 boykottierten die Fahrer erstmals den Nürburgring, das Rennen wich kurzzeitig nach Hockenheim aus, bis die Nordschleife notdürftig begradigt und „entschärft“ wurde. Doch das Ende war absehbar.

1976: Das Feuer und das Ende einer Ära

Der 1. August 1976 ist ein Datum, das sich in das kollektive Gedächtnis des Motorsports eingebrannt hat. Es war der Tag, an dem die Formel 1 ihre Unschuld endgültig verlor – und der Nürburgring seinen Grand-Prix-Status auf der Nordschleife.

Niki Lauda, der amtierende Weltmeister, hatte im Vorfeld gewarnt. Er hielt die Strecke für moderne F1-Boliden für unzumutbar, die Rettungswege für zu lang. Er wurde überstimmt. Das Rennen startete unter Mischbedingungen. In der zweiten Runde, im Streckenabschnitt „Bergwerk“, brach Laudas Ferrari vermutlich durch einen Aufhängungsschaden aus, prallte in die Böschung und ging in Flammen auf.

Dass Lauda überlebte, verdankte er dem Mut seiner Fahrerkollegen Arturo Merzario, Brett Lunger, Guy Edwards und Harald Ertl, die ihn aus dem brennenden Wrack zogen. Laudas Unfall besiegelte das Schicksal der Nordschleife für die Formel 1. Die „Grüne Hölle“ war für die Königsklasse zu heiß geworden.

Die Wiedergeburt: Der „Neue Nürburgring“ (1984–1994)

Nach Laudas Unfall war die Eifel jahrelang F1-freies Gebiet. Doch der Mythos lebte weiter, und der politische Wille war da, die Region nicht sterben zu lassen. Man entschied sich für einen radikalen Schritt: Den Bau einer modernen, sicheren Grand-Prix-Strecke direkt neben der alten Nordschleife.

Am 12. Mai 1984 wurde der „Neue Nürburgring“ eröffnet. Er war kürzer (4,5 km), breiter und hatte riesige Kiesbetten. Die Puristen rümpften die Nase. Sie nannten ihn steril, charakterlos, eine „Micky-Maus-Strecke“. Doch für die Formel 1 war er perfekt.

Zur Eröffnung gab es ein legendäres Rennen mit identischen Mercedes 190E 2.3-16 Tourenwagen. Ein junger, noch unbekannter Brasilianer namens Ayrton Senna düpierte die gesamte Weltelite inklusive Lauda und Prost. Es war der erste Fingerzeig einer neuen Legende.

Formel-1-Rennen waren in den 80ern jedoch selten (1984 und 1985). Erst Mitte der 90er Jahre sollte der Ring eine Renaissance erleben, die niemand für möglich gehalten hätte. Und diese Renaissance hatte einen Namen: Michael Schumacher.

Das Schumacher-Fieber und die Luxus-Jahre (1995–2006)

Mit dem Aufstieg von Michael Schumacher zum ersten deutschen Weltmeister brach in Deutschland eine Formel-1-Hysterie aus. Hockenheim reichte nicht mehr; Deutschland brauchte ein zweites Rennen. So wurde der „Große Preis von Luxemburg“ und später der „Große Preis von Europa“ auf dem Nürburgring etabliert.

Die Atmosphäre in dieser Zeit war elektrisierend. Die Hügel rund um die Strecke waren vollgepackt mit Zelten, Wohnwagen und Millionen von Deutschland-Flaggen. Der Nürburgring wurde zur Pilgerstätte der „Schumi“-Jünger.

  • 1995: Schumacher gewinnt in seinem Benetton-Renault als erster Deutscher auf dem Nürburgring in der F1-Geschichte, nachdem er Jean Alesi wenige Runden vor Schluss in der Veedol-Schikane spektakulär überholte.
  • 1999: Ein Rennen des Chaos. Im wechselhaften Eifelwetter fielen reihenweise Favoriten aus. Johnny Herbert holte im Stewart-Ford einen sensationellen Sieg – das Team, das später zu Jaguar und dann zu Red Bull Racing werden sollte.
  • 2005: Kimi Räikkönen führt das Rennen souverän an, doch sein Reifen entwickelt einen massiven Bremsplatten. Die Vibrationen sind so stark, dass in der allerletzten Runde, beim Anbremsen auf Kurve 1, die Radaufhängung explodiert. Fernando Alonso staubt den Sieg ab – ein dramatisches Bild, das die Saison entschied.

Um dem Ansturm gerecht zu werden, investierte der Nürburgring massiv. Die „Mercedes-Arena“ wurde gebaut, eine verschlungene Sektion nach Start-Ziel, die die Strecke noch technischer machte und die Zuschauerkapazität erhöhte.

Winkelhock, Vettel und das Finanz-Drama (2007–2013)

Auch die späten 2000er boten Spektakel. Unvergessen ist der Große Preis von Europa 2007. Ein Wolkenbruch direkt nach dem Start setzte die erste Kurve unter Wasser. Lewis Hamilton und zahlreiche andere rutschten hilflos ins Kiesbett. Doch einer hatte gepokert: Markus Winkelhock, der in seinem allerersten (und einzigen) F1-Rennen für das unterlegene Spyker-Team aus der Boxengasse auf Regenreifen gestartet war. Plötzlich führte er das Feld an. Ein Moment für die Ewigkeit, auch wenn er später ausfiel.

Jahre später, 2013, konnte Sebastian Vettel endlich seinen „Heimfluch“ besiegen. Im Red Bull gewann er auf dem Nürburgring – ein Sieg, der ihm emotional extrem viel bedeutete.

Doch hinter den Kulissen bröckelte es. Das gigantische Freizeitpark-Projekt „Nürburgring 2009“ trieb die Betreibergesellschaft in die Insolvenz. Der Ring stand kurz vor dem Aus, wechselte die Besitzer, und die Formel 1 konnte sich die hohen Antrittsgelder in der Eifel nicht mehr leisten. Ab 2014 verschwand der Nürburgring aus dem Kalender. Es schien das endgültige Aus zu sein.

Die unerwartete Rückkehr und die Zukunft

Niemand rechnete mehr mit einem Comeback. Doch das Jahr 2020, geprägt von der COVID-19-Pandemie, wirbelte den Kalender durcheinander. Die F1 brauchte Strecken in Europa, die logistisch machbar waren. Im kalten, grauen Oktober kehrte die Königsklasse zurück zum „Eifel Grand Prix“.

Es war ein historisches Wochenende. Lewis Hamilton gewann und egalisierte den Rekord von 91 Siegen, den Michael Schumacher größtenteils in genau dieser Ära aufgestellt hatte, als der Ring seine zweite Blütezeit erlebte. Dass Mick Schumacher an diesem Wochenende den Helm seines Vaters an Hamilton überreichte, schloss einen emotionalen Kreis.

Warum der Nürburgring einzigartig bleibt

Was macht den Nürburgring heute aus? Er ist ein Januskopf. Auf der einen Seite die Grand-Prix-Strecke: modern, sicher, mit langsamen, technischen Passagen wie der Mercedes-Arena und schnellen Mut-Kurven wie dem Schumacher-S. Sie ist eine exzellente Rennstrecke, die Überholmanöver erlaubt und strategisch anspruchsvoll ist.

Auf der anderen Seite lauert direkt daneben immer noch die alte Nordschleife. Sie ist zwar nicht mehr Teil des F1-Kurses, aber sie ist physisch und spirituell präsent. Jeder Fahrer, der auf dem GP-Kurs startet, weiß, dass er im Schatten des Drachen fährt.

Die Eifel ist zudem berüchtigt für ihr Wetter. Es gibt das Sprichwort: „Wenn du die Nürburg sehen kannst, wird es gleich regnen. Wenn du sie nicht sehen kannst, regnet es schon.“ Dieses unberechenbare Element hat so viele Rennen entschieden – von Prosts erstem Sieg bis zu Winkelhocks Führungskilometern.

Fazit: Ein Denkmal aus Asphalt

Der Nürburgring ist weit mehr als der Austragungsort von Autorennen. Er ist ein Stück deutsche Geschichte, ein technisches Kulturgut und eine Bühne für menschliche Dramen. Hier wurden Helden geboren wie Fangio und Stewart, und hier wurden Karrieren auf die härteste Probe gestellt wie die von Lauda.

Auch wenn die Formel 1 heute in Miami, Las Vegas oder Jeddah fährt – glamourös, bunt und perfekt inszeniert –, so fehlt diesen Orten doch das, was man in der Eifel mit den Händen greifen kann: Seele.

Der Nürburgring riecht nach verbranntem Gummi, nach feuchtem Waldboden und nach Angstschweiß. Er ist unbarmherzig und wunderschön. Egal ob die Formel 1 jedes Jahr kommt oder nur alle Jubeljahre: Der Ring bleibt die ultimative Herausforderung. Oder wie es ein altes Banner der Fans in den 90ern so treffend formulierte: „Jeder lobt, was Nürburgring erprobt.“

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