Geboren im Chaos, gestorben in der Stille: Die kurze Geschichte des Hispania Racing Teams
Wenn Virgin Racing das Team der Ingenieurs-Träumer war und Lotus das der PR-Profis, dann war HRT (Hispania Racing Team) das Team der Überlebenskünstler.
Kein anderes Team der modernen Formel-1-Geschichte startete unter so widrigen Umständen. Ohne einen einzigen Testkilometer, mit einem Auto, das buchstäblich in der Boxengasse des ersten Rennens zusammengeschraubt wurde, und mit einer Crew, die sich teilweise erst am Flughafen kennenlernte, nahm HRT den Kampf auf. Dass sie drei Jahre überlebten, grenzt an ein Wunder.
Dies ist die Geschichte von Improvisation, Streitigkeiten mit Zulieferern und dem Startplatz für einen zukünftigen Superstar.
Die Vorgeschichte: Campos und der Dallara-Deal (2009)
Ursprünglich hieß das Projekt Campos Meta 1. Der spanische Ex-F1-Pilot Adrian Campos hatte den Zuschlag erhalten. Sein Plan unterschied sich radikal von Virgin (die alles selbst machten) und Lotus (die Mike Gascoyne hatten). Campos wählte Outsourcing. Er beauftragte die legendäre italienische Schmiede Dallara, das Chassis zu bauen. Dallara, dominierend in der Formel 3 und IndyCar, sollte ein solides, einfaches Auto liefern.
Doch im Winter 2009 ging Campos das Geld aus. Dallara stellte die Arbeit ein, da Rechnungen unbezahlt blieben. Das Auto stand halbfertig in Italien, während die Saison immer näher rückte.
Die Rettung in letzter Sekunde
Wochen vor dem Start in Bahrain übernahm der spanische Geschäftsmann José Ramón Carabante das Team. Er installierte Colin Kolles als Teamchef. Kolles, ein Zahnarzt aus Ingolstadt, hatte den Ruf eines „Feuerwehrmanns“ (er hatte schon Jordan/Midland/Spyker/Force India durch harte Zeiten geführt). Seine Mission war simpel: Irgendwie nach Bahrain kommen.
2010: Die öffentliche Montage (Der F110)
Was sich beim Saisonauftakt in Bahrain 2010 abspielte, war surreal. Während Red Bull und Ferrari um Zehntel kämpften, öffneten die HRT-Mechaniker Kisten. Das Auto, der HRT F110, war nie zuvor gefahren. Mehr noch: Es war nie zuvor komplett montiert worden.
Freitag: Das Team baute das Auto während des freien Trainings zusammen.
Qualifying: Bruno Senna fuhr die allerersten Runden des Teams. Er war 9 Sekunden langsamer als die Pole-Position.
Das Auto: Es war solide, aber schwerfällig und aerodynamisch primitiv („wie ein LKW“, sagten Spötter).
Der Bruch mit Dallara: Nach wenigen Rennen eskalierte der Streit. HRT beschwerte sich über die Qualität des Dallara-Chassis („zu unsportlich“). Dallara beschwerte sich über unbezahlte Rechnungen. Die Partnerschaft wurde beendet. HRT stand nun alleine da – ohne Entwicklungsabteilung, mit einem Auto, das sie nicht selbst gebaut hatten und kaum verstanden.
2011: Der „Coolness“-Faktor und Ricciardo (Der F111)
Für 2011 hatte HRT kein Geld für ein neues Auto. Der F111 war im Grunde das alte Dallara-Chassis mit neuer Aerodynamik. Um das zu kaschieren, engagierte man den Hollywood-Designer Daniel Simon (bekannt für die Fahrzeuge im Film TRON: Legacy). Er entwarf eine spektakuläre Lackierung mit „THIS COULD BE YOU“-Schriftzügen, um Sponsoren anzulocken. Das Auto sah schnell aus, war es aber nicht.
Das Highlight: Zur Saisonmitte setzte Red Bull sein Top-Talent Daniel Ricciardo in den HRT, um ihm Fahrpraxis zu geben. Der spätere Rennsieger lernte hier das Handwerk – vor allem, wie man Platz macht, wenn die Führenden zum Überrunden kommen.
2012: Der Wunsch nach Identität und das Ende (Der F112)
Ende 2011 wurde das Team erneut verkauft, diesmal an die Investmentgruppe Thesan Capital. Sie wollten aus HRT ein „echtes“ spanisches Nationalteam machen.
Der Umzug: Die Basis wurde von Deutschland (Kolles‘ Werkstatt) nach Madrid in die „Caja Mágica“ verlegt.
Der Fahrer: Routinier Pedro de la Rosa wurde geholt, um das Team zu führen.
Die Realität: Der Umzug kostete wertvolle Zeit. Beim Auftakt in Australien 2012 scheiterte HRT an der 107%-Regel – sie waren zu langsam und durften nicht starten.
Das Team kämpfte sich durch die Saison, aber die Geldgeber verloren die Lust. Als sich Ende 2012 kein Käufer fand, wurde das Team still und leise liquidiert. Die Assets (Autos, Equipment) wurden an einen Autoverwerter verkauft.
Fazit: HRT – Die ewigen Letzten?
HRT wird oft belächelt. Sie holten in drei Jahren keinen Punkt und waren fast immer das langsamste Team. Aber:
Sie waren Überlebenskünstler: Sie schafften es drei Jahre lang mit dem wohl kleinsten Budget der modernen F1.
Sie waren ein Sprungbrett: Daniel Ricciardo startete hier seine Karriere.
Sie waren ehrlich: Sie versprachen keine Siege (wie US F1) oder Revolutionen (wie Virgin). Sie wollten einfach nur dabei sein.
HRT war der Beweis, dass in der modernen, hochtechnisierten Formel 1 kein Platz mehr für „Garagisten“ ist, die Autos improvisieren. Sie waren die letzten ihrer Art.
HRT F1 Database
Hispania Racing Team // 2010-2012Fahrzeug & Technik
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Alles zur Klasse von 2010 gibts hier:
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Spende für Ersatzteile? HRT musste oft alte Teile recyceln, um über die Runden zu kommen. Ich versuche, meine Artikel frisch zu halten! Wenn dir dieser Rückblick in die wilden Zeiten von 2010 gefällt, freue ich mich über einen kleinen Beitrag. Das Geld fließt garantiert nicht an Dallara, sondern direkt in die Recherche für das Serien-Finale.












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