Es gibt Rennfahrer, deren Karrieren wie Kometen sind: Sie leuchten hell, verbrennen schnell und verblassen in den Geschichtsbüchern. Und dann gibt es Gabriele Tarquini. Geboren am 2. März 1962 im beschaulichen Giulianova an der Adria, schrieb dieser Mann eine Geschichte, die kein Drehbuchautor besser hätte erfinden können. Es ist eine Parabel über Demut, Schmerz und die süße Rache des Talents an den Umständen. Tarquini ist nicht einfach nur ein Rennfahrer; er ist der lebende Beweis dafür, dass Aufgeben keine Option ist.
Die Formel 1: Ein Kampf gegen Windmühlen
Wenn man heute an die Formel 1 der späten 80er und frühen 90er Jahre denkt, sieht man die strahlenden Helden: Senna, Prost, Mansell. Doch im Schatten dieser Giganten kämpften Männer wie Gabriele Tarquini einen ganz anderen, viel brutaleren Krieg. Tarquinis Formel-1-Karriere, die sich von 1987 bis 1995 erstreckte, war kein Leben im Luxus des Paddock-Clubs. Es war ein Überlebenskampf in der Boxengasse.
Er unterschrieb bei Teams wie Osella, Coloni oder AGS. Namen, die heute nur noch Hardcore-Fans etwas sagen, standen damals für chronischen Geldmangel und technische Unzulänglichkeiten. Für einen Rennfahrer mit Tarquinis Herzblut musste jeder Freitagvormittag wie ein Gang zum Schafott gewesen sein. Die sogenannte „Vorqualifikation“ war der grausamste Filter der Motorsportgeschichte: Morgens um 8:00 Uhr, oft auf staubiger Piste, mussten Dutzende Piloten um vier Plätze kämpfen, nur um überhaupt am eigentlichen Training teilnehmen zu dürfen.
Tarquini stellte sich dieser Hölle wieder und wieder. Er hält den traurigen Rekord der meisten verpassten Qualifikationen in der Geschichte. Doch man muss diese Zahlen richtig lesen: Sie sind kein Zeugnis von Unvermögen, sondern von einer fast masochistischen Leidensfähigkeit. Wo andere frustriert das Handtuch geworfen hätten, stieg der Italiener Woche für Woche wieder ins Cockpit, wohl wissend, dass das Material ihm kaum eine Chance lassen würde.
Das Wunder von Mexiko
Doch einmal, in einem Moment, in dem die Sterne richtig standen, zeigte Tarquini der Welt, was in ihm steckte. Es war der Große Preis von Mexiko 1989. In der dünnen Höhenluft von Mexiko-Stadt, am Steuer eines AGS JH23B, der eigentlich keine Berechtigung hatte, so weit vorne zu fahren, vollbrachte er das Unmögliche. Während um ihn herum die Motoren platzten und Fahrer vor Erschöpfung aufgaben, peitschte Tarquini seinen unterlegenen Boliden ins Ziel. Der sechste Platz. Ein WM-Punkt. Für Senna oder Prost wäre es eine Enttäuschung gewesen. Für Tarquini und die Mechaniker von AGS, die oft nicht wussten, wie sie die nächste Hotelrechnung bezahlen sollten, war es, als hätten sie die Weltmeisterschaft gewonnen. Es blieb der einzige Punkt seiner Formel-1-Karriere, aber er glänzt heller als mancher Sieg in einem überlegenen Auto.
Nach einem letzten Engagement 1995 als Ersatzmann bei Tyrrell zog Tarquini einen Schlussstrich. Er verließ die Bühne der Königsklasse nicht als Gescheiterter, sondern als jemand, der den Kampf gegen die Uhr verloren, aber den Respekt der Szene gewonnen hatte.
Gabriele Tarquini
Die Wiedergeburt als „Cinghio“
Was macht ein Rennfahrer, dessen Traum von der Formel 1 geplatzt ist? Die meisten verschwinden in der Versenkung. Gabriele Tarquini hingegen erfand sich neu. Er wechselte in den Tourenwagensport – und entfesselte dort ein Monster. In Italien gaben ihm die Fans den Spitznamen „Cinghio“ – das Wildschwein. Und genau so fuhr er: aggressiv, furchtlos, immer mit dem Messer zwischen den Zähnen, aber mit der chirurgischen Präzision eines Meisters.
1994 wechselte er in die British Touring Car Championship (BTCC), die damals als die härteste Liga der Welt galt. Als Italiener, der kein Wort Englisch sprach, kam er in das verregnete Großbritannien und setzte sich in einen Alfa Romeo 155 V6 Ti. Was folgte, war eine Demütigung für die etablierte Konkurrenz. Tarquini fuhr nicht einfach nur; er dominierte. Er gewann die ersten fünf Rennen in Folge. Seine aggressive Fahrweise, oft auf zwei Rädern durch die Schikanen räubernd, wurde legendär. Er holte den Titel gleich im ersten Anlauf und wurde in England zum Kultstar. Der Mann, der in der Formel 1 belächelt wurde, war nun der König der Insel.
Ein Wein, der mit dem Alter besser wird
Doch Tarquinis Hunger war noch lange nicht gestillt. Während seine ehemaligen F1-Kollegen längst auf ihren Yachten den Ruhestand genossen, fuhr Tarquini weiter. Und weiter. Und weiter. Er wurde zum Inbegriff des perfekten Entwicklungsfahrers. Egal ob Honda, Seat oder Lada – wenn ein Hersteller ein schnelles Auto bauen wollte, riefen sie Gabriele.
2009, im Alter von 47 Jahren, einem Alter, in dem andere Profisportler längst Golf spielen, krönte er sich zum Weltmeister der WTCC. Er schlug die junge Generation mit ihrer eigenen Waffe: reinem Speed, gepaart mit der Erfahrung aus tausenden Rennrunden. Er war der älteste Weltmeister, den die FIA je gesehen hatte. Viele dachten, das wäre der perfekte Moment für den Rücktritt. Der krönende Abschluss.
Doch Gabriele Tarquini dachte nicht an Rücktritt. Neun Jahre später, 2018, die Welt hatte sich verändert, die Autos waren anders, die Gegner waren halb so alt wie er. Tarquini stieg in einen Hyundai i30 N. Er war nun 56 Jahre alt. Und er tat es wieder. Mit einer fast unheimlichen Abgeklärtheit sicherte er sich den Titel im WTCR-Weltcup. Als er die Trophäe in die Höhe stemmte, mit grauen Schläfen und Falten im Gesicht, weinten selbst hartgesottene Mechaniker. Es war nicht nur ein Sieg für Hyundai oder Italien. Es war ein Sieg für die Leidenschaft. Ein Sieg für jeden, dem jemals gesagt wurde, er sei „zu alt“ oder „abgeschrieben“.
Das Vermächtnis
Gabriele Tarquini beendete seine aktive Karriere erst Ende 2021, kurz vor seinem 60. Geburtstag. Er hinterlässt ein Erbe, das in Zahlen kaum zu fassen ist. Die Statistik der Formel 1 mag ihn als Fußnote führen, doch in der Realität des Asphalts ist er ein Gigant. Er lehrte uns, dass der Weg zum Erfolg selten eine gerade Linie ist. Seine Karriere war eine Achterbahnfahrt durch die Täler der Vorqualifikation bis hinauf auf die höchsten Gipfel des Weltsports. Gabriele Tarquini ist der lebende Beweis dafür, dass Talent wichtig ist, aber Charakter unsterblich macht. Er war der Marathonmann des Motorsports – und wir werden keinen wie ihn jemals wiedersehen.
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