Während die Technik der Le-Mans-Prototypen bereits auf F1-Niveau war (siehe Teil 1), spielten sich hinter den Kulissen politische Dramen ab, die das Gesicht der Formel 1 für immer verändern sollten. Im Zentrum stand der französische Konzern PSA (Peugeot) und ein Mann mit einem Masterplan: Jean Todt.

Jean Todt und der Traum vom „Blauen Ferrari“

Jean Todt, damals Rennleiter von Peugeot Talbot Sport, hatte alles erreicht: Rallye-Weltmeister (Gruppe B) und Le-Mans-Sieger (1992 & 1993). Doch sein eigentliches Ziel war die absolute Krone: Die Formel-1-Weltmeisterschaft mit einem reinen Peugeot-Werksteam.

Er hatte die Voraussetzungen dafür bereits geschaffen:

 

    • Das Auto: Der Peugeot 905 Evo 2 (oft „Supercopter“ genannt), der Ende 1992 getestet wurde, war radikaler als alles zuvor. Mit seiner extremen Aerodynamik und dem V10-Motor war er de facto ein verkleideter Formel-1-Bolide.

    • Das Team: Todt hatte in Vélizy eine Mannschaft aus F1-Ingenieuren (u.a. Enrique Scalabroni) aufgebaut, die wie ein Uhrwerk funktionierte. Disziplin, Taktik, Technik – alles war bereit für den Grand-Prix-Start.

Der „Buchhalter“ blockiert: Jacques Calvet

Das Projekt scheiterte an einer einzigen Person: Jacques Calvet, dem Vorstandsvorsitzenden von PSA. Calvet, ein brillanter, aber extrem konservativer Rechner, blockierte Todts Vision einer „Scuderia Peugeot“.

Seine Logik war kaufmännisch verständlich, aber sportpolitisch fatal:

 

  1. Das Risiko: Ein eigenes Chassis zu bauen, ist extrem teuer. Wenn das Auto verliert, blamiert sich die ganze Marke.
  2. Der Ausweg: Peugeot sollte nur als Motorenlieferant auftreten. Die Idee: Man dockt an ein Top-Team an, gewinnt, und spart sich die Kosten für Chassis und Logistik.
  3. Das Urteil: Calvet entschied 1993 endgültig: „Kein Werksteam. Wir liefern nur Motoren.“

Die historische Konsequenz: Der „Butterfly Effect“

Diese Entscheidung löste eine Kettenreaktion aus, ohne die die Formel-1-Geschichte der letzten 30 Jahre völlig anders verlaufen wäre.

 

    • Jean Todts Rache: Todt war ein Anführer, kein Zulieferer. Er wollte die Kontrolle über das ganze Auto, nicht nur über den Motor. Als Calvet ihm das Werksteam verweigerte, war Todt zutiefst frustriert und reichte seine Kündigung ein. Genau in diesem Moment rief Fiat an. Todt wechselte Mitte 1993 nach Maranello. Der Punkt ist: Ohne das „Nein“ von Peugeot wäre Jean Todt nie Ferrari-Teamchef geworden. Es gäbe keine Ära Schumacher, keinen Ross Brawn bei Ferrari, keine fünf WM-Titel in Folge.

    • Das McLaren-Debakel: Peugeot setzte Calvets Plan um und wurde 1994 Partner von McLaren. Das britische Team war nach dem Honda-Ausstieg verzweifelt auf der Suche nach einem Werksmotor und hoffte auf den starken Le-Mans-V10. Doch das Projekt wurde zum Albtraum. Der Motor (abgeleitet vom 905) war zwar leistungsstark, aber im F1-Chassis unzuverlässig und schwer fahrbar. Mika Häkkinen und Martin Brundle litten unter ständigen Motorschäden („Peugeot-Feuerwerk“). Die Partnerschaft zerbrach im Streit, Ron Dennis warf Peugeot raus.

    • Der Nutznießer Mercedes: Mercedes hatte – anders als Peugeot – schon 1993 den vorsichtigen Weg gewählt und war über den Partner Sauber in die F1 eingestiegen, um erst zu lernen („Concept by Mercedes“). Doch als sie 1994 sahen, dass das Top-Team McLaren mit Peugeot unglücklich war, ergriffen die Stuttgarter die Chance. Sie ließen ihren bisherigen Partner Sauber fallen und übernahmen für 1995 den Platz von Peugeot bei McLaren. Die Ironie: Mercedes erntete das Top-Team, das Peugeot durch technische Arroganz verspielt hatte.

Fazit

Die Gruppe-C-Ära der frühen 90er war der Inkubator für die moderne Formel 1. Der Peugeot 905 war technisch ein F1-Siegerauto, das nie Grand-Prix-Rennen fahren durfte. Ironischerweise führte genau dieses Verbot dazu, dass der Architekt des Peugeot-Erfolgs (Jean Todt) zur Konkurrenz ging und dort das erfolgreichste F1-Team aller Zeiten aufbaute.

Peugeot hatte die Technik (Hardware), aber Ferrari bekam durch Peugeots Zögern den entscheidenden Strategen (Software) – und Mercedes staubte am Ende das Partner-Team McLaren ab.

Lust auf mehr Historie? 🏎️💨

Faszinierend, oder? Ohne das Drama um Peugeot gäbe es die Ferrari-Legende Schumacher vielleicht gar nicht. Solche „Deep Dives“ in die F1-Geschichte sind meine Leidenschaft. Wenn du meine Arbeit honorieren möchtest, kannst du mir hier einen „virtuellen Boxenstopp“ spendieren. Das hält den Motor am Laufen! Danke!


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Cookie Consent mit Real Cookie Banner